Kontaktieren Sie uns
Info-Telefon: 030 / 120 820 00
E-Mail-Kontaktformular
Termin online vereinbaren

„Verzweifelte Ohnmacht“ – wenn der Chefarzt einen Kriminalroman schreibt

„Verzweifelte Ohnmacht“ – wenn der Chefarzt einen Kriminalroman schreibt

Prof. Dr. Frank Godemann, der leitende Chefarzt der Klinik Pacelliallee, hat im Januar seinen ersten Kriminalroman geschrieben. Titel: „Verzweifelte Ohnmacht. Kommissar Friedrichs erster Fall“. Worum es geht?

Im Berliner Hotel Novena findet ein Zimmermädchen die nackte Leiche einer Frau, die an Armen und Beinen am Bett gefesselt ist. Kommissar Stephan Friedrich, 47 Jahre alt, übergewichtig, ein Genussmensch, leitet das ermittelnde Team der Berliner Kriminalpolizei. Bei der Toten handelt sich um die Chefärztin Prof. Dr. Monika Betram aus Dresden. Sie starb auf grausame Weise an massivem Blutverlust. Die Verdächtigen: Ein ehemaliger Assistenzarzt, dessen Leben nach der Kündigung aus den Fugen gerät, ein konkurrierender Wissenschaftler, ein Patient, dessen Handlungen in seinem psychotischen Erleben andere ängstigt, eine Mutter, die verbittert nach dem Suizid ihrer Tochter andere dafür verantwortlich macht, eine Affäre, an der eine Familie zu zerbrechen droht und ein korrupter Geschäftsführer.

 

 

LESEPROBE

Prolog

Ihr Gesicht wurde von einem weißen Schal bedeckt. Das Haar war auch noch in diesem Zustand top frisiert. Kein Makel. Keine Strähne, die nicht am richtigen Platz lag. Friseurbesuche hatten einen festen Platz in ihrem Leben. Für sich? Um die Blicke der Männer einzufangen? Und jetzt hatte all das keine Bedeutung mehr. Der Schnitt war sauber gesetzt, das Blut aufgefangen, kein Fleck verdreckte das Bett. Sie konnte sich nicht wehren, lag im Bett regungslos, eingefroren. Sie war mit bunten Bändern gefesselt, straff gespannt, keine Bewegungen zulassend.

Es war ein lebloses Hotelzimmer, Doppelbett, offensichtlich in der letzten Nacht benutzt, die Bettdecke gefaltet, nicht eilig, aber die Kanten unscharf aufeinanderliegend. Ein Hotel im Süden von Berlin. Wie so viele. Blauer Teppichboden mit einzelnen Mustern. Dezenten Rauten, unaufdringlich. Tausende Menschen liefen über diesen Teppich ohne Spuren zu hinterlassen. Ein Teppich für hundert Jahre. Der Flachbildschirm dominierte die Wand gegenüber vom Bett. Der Fernseher lief. Mittagsfernsehen. „Panda-Fieber in Berlin. Meng-Meng und Jiao Qing ziehen mehr als 30 000 Besucher in den Berliner Zoo.“ Der geräuschlose Kühlschrank, dezent versteckt und doch gut erreichbar. Dunkles Holz, eine Bibel im Regal. Ein Schild mit Druckschrift stand auf dem Schreibtisch. „Lassen Sie sich verwöhnen!“ Stilles Wasser, ungeöffnet, steht bereit, um den Durst zu löschen. Keine Sektgläser, keine Wäsche, die Schränke sind leer.

Die schwarzhaarige Schönheit liegt nackt im Bett und der Schnitt unterhalb der Kehle war akkurat ausgeführt. Von einem Profi, der wusste, wo er ansetzen musste. Ihr wurde das Blut aus der Zentralvene abgelassen, die Kanüle lag noch auf der rechten Halsseite. Sie konnte nicht mehr um Hilfe rufen. Der Körper war blass, lebloser als der Tod.

 

20 Jahre zuvor

Kalt servierte ihr Chef sie in der Universität ab.

„Sie sind unfähig. Wissenschaft: das ist wohl ein Fremdwort für Sie! Ich habe selten jemanden so wie sie erlebt, der nicht die einfachsten Zusammenhänge versteht.“

Diese Wutanfälle waren in der Klinik gut bekannt. Der einzige geniale Mensch in der Klinik war er, der göttliche Professor.

„Ihr Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist abgelehnt worden. Aber wie kann man nur so einfältig sein! Dieser Antrag konnte kein Erfolg werden. Psychotherapie bei älteren Menschen mit Depressionen. Da können Sie doch gleich die Geldscheine in der Spree versenken. Der Mensch verändert sich im Alter nicht mehr! Einmal dumm, immer dumm!“

Und dann wurde er gnädig. „Gehen Sie zu Herrn Gliesch in die Arbeitsgruppe. Dort können sie etwas lernen. Er erforscht schwere Gedächtnisstörungen – Demenz nennt man diese Erkrankungen. In diesem Gebiet liegt die Zukunft. Wir werden immer älter und das Gehirn ist dann ein Wrack. Außer meins natürlich!“ und er lachte über seinen eigenen Witz.

Monika Betram war selbst sehr enttäuscht. Alle hatten ihr abgeraten und sie hatte es trotzdem versucht. Der Antrag wurde abgelehnt und sie hatte viel Zeit in ihn gesteckt. Und nun stand sie vor der Tür von Herrn Gliesch, einem anerkannten Neurobiologen. Etwas schräger Typ, aber in Ordnung. Wenn er sich in seine Arbeit vertiefte, hörte er nichts, sah er nichts, schien nichts zu fühlen.

Er konzentrierte sich nur auf weniges. Auf seine Mäuse und ihrem Wohlergehen, auf seine wissenschaftlichen Artikel und den Neuerungen in seinem Spezialgebiet. „Ich muss schneller als die Arbeitsgruppe aus New York sein!“.

Nur diese beiden Arbeitsgruppen forschten auf diesem Gebiet. Die Konkurrenz zu New York trieb ihn an. Es war manchmal wie ein Wettrennen, bei dem eine Ziellinie überschritten wird, aber das Rennen immer weitergeht.

Und nun klopfte sie an die Tür. Sie war ehrgeizig, also musste sie diesen Weg gehen. Der andere hatte in eine Sackgasse geführt und ohne wissenschaftlichen Erfolg keine Karriere. Sie klopfte und musste lange warten. Er nahm sich Zeit, erzählte meist selbst, freute sich, dass jemand ihm zuhörte. Als sie den Raum verließ, hatte sie einen großen Stapel Bücher und Artikel auf dem Arm. Gefragt hatte sie danach nicht, aber auch keine Wahl. Zumindest innerlich.

 

17 Jahre zuvor

Sie hatte sich durchgebissen. Neider gab es viele. Mehr als sie gedacht hatte. Manchmal subtil, manchmal offen versuchten sie ihr das Leben schwer zu machen. Als sie nach New York gehen wollte, um dort ihre Demenzforschung fortzusetzen, schnappte ihr eine Kollegin die Stelle weg. Sie hatte das Gerücht von der freien Stelle auf dem Gang aufgeschnappt und bewarb sich mit ihren Erkenntnissen. Gemeinsam hatten sie Veröffentlichungen geschrieben. Aber sie, nicht ihre Kollegin, war die treibende Kraft, die Ideengeberin. Erst zwei Jahr später bekam sie die Stelle. Die Kollegin erfüllte in New York nicht die Erwartungen. Wie auch.

Aber in New York war sie erst einmal dem Zweifel ausgesetzt. Noch eine unfähige Deutsche? Schlampig im Labor? Unzureichend im Verstehen komplexer Zusammenhänge? Sie brauchte Zeit, um die anderen Wissenschaftler von sich zu überzeugen. Aber der Preis war hoch. Zwei Jahre New York bedeutete Trennung ohne Rückfahrschein. Sie war bereit, ihn zu zahlen. Ohne hochrangige Forschung keine Professur an einer Universität.

Ob sie die Inhalte ihrer Forschung wirklich überzeugten? Sie wusste es selbst nicht. Beim Einschlafen hatte sie vor allem die Macht vor Augen, die sie als Professorin haben werde. Sie malte es sich aus. War großzügig, aber streng. Sprach mit ihren Mitarbeitern fordernd, motivierend und wurde geschätzt. Ihr Geburtstag wurde nicht vergessen. Blumen stapelten sich in den Gedankenspielen auf ihrem Schreibtisch.

 

7 Jahre zuvor

Sie erhielt einen Ruf an die Universität Dresden. Fachbereich für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Ein unglaublicher Triumpf. Ihr war egal, ob andere ihr den Erfolg neideten. Sie war am Ziel ihrer Träume. Dafür hatte sie so viele Jahre gearbeitet. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass sie gegen ihre zumeist männlichen Konkurrenten keine Chance habe. Sie hatte sich innerlich schon vorbereitet, dies als zweifellos vorhandenen versteckten Sexismus zu interpretieren. Kaum ein Ruf ereilte Frauen. Und sie hatte es geschafft!

 

[…]

 

Zwei Tage zuvor

„Wir freuen uns, dass Sie zahlreich erschienen sind! Das Interesse an unserem Fach wächst. Von Jahr zu Jahr! Mehr als 5.000 Personen nehmen an dem Weltkongress für Psychiatrie teil. „Der Mensch im Mittelpunkt“. Dies ist das Motto dieses Kongresses. Wir behandeln Menschen in seelischen Nöten und tun dies auf hohem Niveau. Wir engagieren uns in der Gesellschaft, damit Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht ausgegrenzt werden, in allen Lebensbereichen – ob Arbeit, Wohnung, Freizeit oder Familie – teilhaben können, nicht auf ihre Krankheit begrenzt werden. Wir fordern von der Politik, sich zu engagieren, ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, flexibel zu sein, vorrangig Behandlungen in der Lebenswelt der Menschen mit psychischen Erkrankungen zu ermöglichen. Wir kämpfen gegen die Stigmatisierung, die einseitige Sicht, den Hype, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen ein Verbrechen begehen. Psychisch gesunde Menschen begehen genauso häufig Verbrechen. Aber daran haben wir uns gewöhnt! Voyeuristisch ergötzen sich viele an dem Besonderen, weil sie vor sich und ihren eigenen dunklen Seiten Angst haben. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben nichts mit diesen dunklen Seiten zu tun. Helfen Sie alle mit! Gemeinsam mit den Angehörigen und den Patienten kämpfen wir! Wir stehen zusammen und haben schon viel erreicht!“

Die Rede der Präsidentin der World Psychiatriatic Association, WPA, war mit viel Engagement vorgetragen, der Übersetzer gab sein bestes und der Funke sprang über. Betram fand einerseits faszinierend, dass Menschen sich politisch für die Psychiatrie engagieren und unglaublich viel Zeit investieren, aber es war ihr auch fremd, einen großen Teil des Lebens diesem Engagement zu widmen.

Der Präsidentin Linger wurden vom Vizepräsidenten die obligatorischen Blumen überreicht. „Sie haben viel erreicht für unser Fach! Die Menschen sind ihnen dankbar! Auch im nächsten Jahr kommen viele Aufgaben auf uns zu.“ Es war nicht ganz klar, ob er sich oder die Präsidentin meinte. Sie fand ihn ekelig. Bei ihm spürte sie nur Hunger nach Macht – als Selbstzweck.